Abriss der deutsch-koreanischen Beziehungen bis 1910

Teil I


(Auszug aus: Kneider, Hans-Alexander: "Deutsch-koreanische Beziehungen. Von ihren Anfängen bis zum Jahre 1910."
In: Köllner, Patrick (Hrsg.): Korea 1996. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Institut für Asienkunde, Hamburg 1996, S.19-49.)

"Seine Majestät der Deutsche Kaiser, König von Preußen, im Namen des Deutschen Reichs einerseits, und Seine Majestät der König von Korea andererseits, von dem Wunsche geleitet, die Beziehungen zwischen den beiden Reichen dauernd freundschaftlich zu gestalten und den Handelsverkehr zwischen den beiderseitigen Staatsangehörigen zu erleichtern, haben den Entschluß gefaßt, zur Erreichung dieser Zwecke einen Vertrag abzuschließen ......."

Mit diesen Worten wurden am 26. Nov. 1883 in Seoul, zu dieser Zeit noch Hanyang genannt, die offiziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Korea eingeleitet. Für das Deutsche Reich war indes die neu entstandene Verbindung zu Korea von weit weniger politischer als auch kommerzieller Bedeutung wie beispielsweise seine Beziehungen zu Japan oder China.

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Vor Aufnahme der offiziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Korea gab es bereits einige Begegnungen zwischen Deutschen und Koreanern, die zwar historisch betrachtet in den meisten Fällen nur von geringer Bedeutung waren, jedoch nicht nur erwähnenswert scheinen, sondern zu einem gewissen Grad einen Teil der deutsch-koreanischen Beziehungen ausmachen.

In der koreanischen Geschichtsschreibung werden das 16. und 17. Jhd. gekennzeichnet durch massives Eindringen seiner Nachbarstaaten. Japanische Piraten trieben an den Ostküsten der Halbinsel ihr Unwesen, und Ende des 16. Jhd. wurde Korea von zwei groß angelegten Invasionen der Japaner heimgesucht. In deren Verlauf wurde das Land völlig verwüstet und ausgeraubt. Anfang des 17. Jhd. drangen die Mandschu von Norden her in das Königreich ein und trachteten danach, es unter ihre Herrschaft zu zwingen. Aufgrund dieser bitteren Erfahrungen entschloss sich die koreanische Regierung zu einer Politik strikter Abschließung. Unterbrochen wurde diese Isolation lediglich durch die jährlich stattfindenden Gesandtschaften an den chinesischen Kaiserhof sowie eine geringe Handelsverbindung zu Japan, die über den Daimyo von Tsushima abgewickelt wurde. Von dieser Zeit an war es sowohl den Koreanern als auch den Ausländern bei Todesstrafe verboten, die Landesgrenzen ohne Genehmigung zu überschreiten.

Die nachweislich erste Begegnung zwischen einem Deutschen und einem Koreaner fiel gerade in diese anfängliche Isolationsphase. Nachdem die Mandschu 1637 Korea endgültig unterworfen und zum Vasallen gemacht hatten, musste der König ihnen zum Zeichen seiner Unterwerfung und Loyalität zwei Söhne als Geiseln stellen. Der älteste von ihnen, Kronprinz Sohyeon, traf im Jahre 1644 in Peking auf den deutschen Jesuitenpater Johann Adam Schall von Bell, der ihm einige Schriften religiöser und auch wissenschaftlicher Art überreichte. Noch im gleichen Jahr kehrte der Kronprinz nach Korea zurück, verstarb aber kurze Zeit darauf. Diese erste Begegnung hatte indes für Korea keinerlei Folgen, doch sorgten u.a. die mitgebrachten Schriften für ein anfängliches Interesse koreanischer Gelehrter an der westlichen Wissenschaft.

Durch die alljährlichen Gesandtschaften an den chinesischen Hof kam es in der Folgezeit mehrfach zu derartigen Begegnungen. Deutsche Jesuitenpatres in Peking, wie Ignatius Kögler, August von Hallerstein und Anton Gogeisl, waren auf diese Weise mit einigen der koreanischen Delegierten in Gespräche gekommen. Doch auch in diesen Fällen zogen lediglich die von den Patres überreichten Instrumente und Bücher einiges Interesse in Korea auf sich.

Anfang des 19. Jhd. hatte der deutsche Arzt und Naturforscher in Japan Philipp Franz von Siebold mehrere Gelegenheiten, mit koreanischen Schiffbrüchigen in Kontakt zu kommen. Im Rahmen seiner vielseitigen Interessengebiete widmete sich Siebold einer intensiveren Studie bezüglich koreanischer Kultur, Sitte, Gebräuche, Sprache und vieles mehr. Obwohl sein Kontakt auf einfache Seeleute beschränkt blieb, war die Begegnung mit ihnen doch insofern bedeutsam, als dass die Ergebnisse seiner Studien durch die Veröffentlichung seines berühmten Werkes "Nippon. Archiv zur Beschreibung von Japan und dessen Neben- und Schutzländern" (Leiden 1832-1852) detailliertere und objektivere Beschreibungen Koreas und seiner Bewohner in Europa zur Kenntnis gebracht wurden.

Der erste Deutsche, der nachweislich koreanischen Boden betrat, war Karl Friedrich August Gützlaff, der ebenfalls als erster deutscher lutheranischer Missionar in China aktiv war. Als ehemals preußisches Mitglied der Holländischen Missionsgesellschaft wurde er 1828 Freimissionar und war zunächst in Bangkok als Prediger und Arzt unter den zahlreichen ansässigen Chinesen tätig. Mitte 1831 verließ er Siam, um seine umfangreiche Missionsarbeit in China fortzusetzen. Als die englische East India Company auf seine Anregung hin eine Expedition in den Norden des Reiches zwecks möglicher Erschließung neuer Handelsverbindungen plante, schloss sich Gützlaff als Dolmetscher und Arzt dem Unternehmen an. Unter Leitung des britischen Kaufmanns H. H. Lindsay verließ die Expedition Ende Feb. 1832 auf der "Lord Amherst" Macao. Ihr geplantes Endziel war Korea, dessen Westküste sie am 17. Juli erreichten. Zusammen mit einer Bittschrift, Handel treiben zu dürfen, sandte Gützlaff an den König einige Exemplare der Bibel und anderer christlicher Traktate in chinesischer Übersetzung. Während das Schiff auf eine offizielle Antwort des Hofes wartend an verschiedenen Orten der Westküste ankerte, hatte Gützlaff etliche Gelegenheiten, an Land zu gehen und unter der Bevölkerung ebenfalls religiöse Schriften zu verteilen. Auch die Kartoffel hielt auf diese Weise Einzug in das Land mit Anweisungen von Gützlaff zu Anbau und Kultivierung der unbekannten Knolle. Aber auch die Lindsay-Expedition scheiterte an dem strengen Verbot, mit Ausländern in Kontakt zu treten, so dass das Schiff einen Monat später erfolglos die Heimreise nach China antreten musste.

Die nächste Begegnung mit einem Deutschen hinterließ alles andere als eine positive Einstellung der Koreaner zu Deutschland, bzw. zu westlichen Nationen. Sie trug vielmehr dazu bei, ihre Ansicht von barbarischen und unkultivierten Fremden zu bekräftigen und veranlasste die Regierung gleichzeitig zu einer Intensivierung ihrer Isolationspolitik.

Von allen asiatischen Ländern war Korea stets das verschlossenste und somit geheimnisvollste Land, ein Umstand, der viele Abenteurer unterschiedlicher Herkunft dazu verleiten ließ, hinter den Grenzen Schätze und andere wertvolle Dinge zu vermuten. Die allgemeine Tendenz solcher Vermutungen ging dahin, dass das abgeschirmte Königreich große Mengen an Gold bergen müsste. Einer solchen irrigen Annahme erlag auch der deutsche Kaufmann in Shanghai Ernst Jacob Oppert, der gleich dreimal zum Versuch ansetzte, auf mehr oder weniger räuberische Art mit Korea in eine Handelsbeziehung zu treten.

In den Monaten März und August des Jahres 1866 unternahm Oppert seine beiden ersten Versuche, die koreanischen Beamten zu einer Handelsbeziehung zu bewegen. Knapp zwei Jahre nach diesen beiden Misserfolgen bot sich dem frustrierten Kaufmann, der sicherlich auch nach Wegen suchte, seinen finanziellen Verlust wett zu machen, eine Gelegenheit, seine koreanischen Absichten erneut in Angriff zu nehmen. Hätten sich seine Bemühungen auf die ersten beiden Versuche beschränkt, wäre seine Person zweifellos unter den etlichen Westlern, die entsprechende Annäherungen an Korea gemacht hatten, nicht weiter von Bedeutung oder Interesse gewesen. Doch gerade seine dritte Expedition sollte Anlass geben, in allen Korea bezogenen Geschichtswerken der Nachwelt als "Piratenstück" festgehalten zu werden, dass sich besonders negativ auf die Haltung der Regierung sowie die koreanischen Christen auswirkte. Er hatte den Plan entwickelt, die Gebeine des Vaters des Prinzregenten Daewon-gun zu rauben, um so ein Druckmittel gegen die koreanische Regierung in der Hand zu haben. Doch nicht nur in den Augen der Koreaner, sondern der gesamten konfuzianischen Welt, deren höchstes Prinzip in der Ahnenverehrung lag, musste diese Tat als äußerst frevlerisch gelten. Im April 1868 scheiterte die geplante Grabplünderung jedoch an der simplen Tatsache, dass seine mitgebrachten Werkzeuge nicht dafür geschaffen waren, die steinerne Grabkammer zu öffnen. Bei dem Versuch, weiter ins Landesinnere vorzudringen, kam es schließlich zu Auseinandersetzungen mit koreanischen Soldaten, denen es gelang, die Eindringlinge endgültig zu vertreiben.

In den Augen des streng orthodox-konfuzianischen Daewon-gun konnte der Deutsche wohl kein größeres Verbrechen begangen haben. Entgegen Opperts Hoffnungen ordnete der Prinzregent unverzüglich eine Intensivierung seiner Abschließungspolitik an, um ein weiteres Eindringen westlicher "Barbaren" zu verhindern. Sämtliche Chancen, in Zukunft mit Korea auf freundschaftlicher Basis in Handelsbeziehungen zu treten, waren damit endgültig vertan, und sicherlich war die Vorgehensweise Opperts dem Ansehen der Westler auch in China nicht gerade förderlich.

Die nächste deutsch-koreanische Begegnung verlief jedoch harmloser und zog weder Folgen nach sich, noch war sie von großer Bedeutung. Eine seiner zahlreichen Forschungsreisen ins Landesinnere führte den Geologen und Chinaforscher Baron Ferdinand von Richthofen im Juni 1869 auch an die nördliche Grenze Koreas. Dort war es den Koreanern an zwei vorgegebenen Orten drei Mal im Jahr erlaubt, mit den Chinesen Handel zu treiben.

Der wohl bedeutendste Zeuge vor der Zeit, in der sich Korea begann, dem Westen zu öffnen, war der deutsche Diplomat Max August Scipio von Brandt, der bereits an der preußischen Eulenburg-Mission nach Ostasien teilgenommen hatte und ab 1862 als erster deutscher Konsul in Japan residierte. Seine ausgesprochen lange Dienstzeit als Diplomat in Japan und China beschrieb er in seinem dreibändigen Werk "Dreiunddreissig Jahre in Ost-Asien" (Leipzig 1900-1902). Daneben widmete er sich ebenfalls in zahlreichen Publikationen der koreanischen Frage.

Für den deutschen Diplomaten von Brandt war die Beziehung, die Korea zu Japan unterhielt, derart unklar, dass er 1870 zu dem Entschluss kam, sich durch eigenen Augenschein von der wahren Stellung Japans in Korea ein Urteil bilden zu müssen. Sollte Japan in seiner Darstellung nicht übertrieben haben, hoffte er durch seine Reise zur japanischen Faktorei in Pusan gleichzeitig die Gelegenheit zu haben, durch Einfluss und Vermittlung der ansässigen japanischen Kaufleute eventuell eine Handelsbeziehung zwischen Korea und Preußen herstellen zu können. Kurz nachdem er mit dem deutschen Schiff "Hertha" vor Pusan geankert hatte und an Land gegangen war, machte ihm die Reaktion der Koreaner allerdings nur allzu deutlich, inwieweit es um die Beschaffenheit der japanischen Stellung in Korea bestellt war. Unmittelbar nach seiner Ankunft waren koreanische Beamte bei den Japanern vorstellig geworden und hatten angedroht, sämtlichen Handel für die Dauer des Aufenthaltes der Fremden zu verbieten, sollte das westliche Schiff nicht unverzüglich mit seiner Besatzung wieder absegeln. Von Brandt schloss daraus, dass die Japaner in der Handelsstation in Pusan "eine Stellung einnahmen, die die Holländer früher in Deshima hatten. Sie waren eben nur geduldet und wurden mit äußerster Verachtung behandelt."

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Nach der Meiji-Reform in Japan von 1868 hatte die koreanische Regierung unter dem Prinzregenten Daewon-gun sämtliche Beziehungen zu seinem Nachbarreich abgebrochen, da man in der westlich orientierten japanischen Reformbewegung eine Gefahr für das eigene Land sah. Das mittlerweile erstarkte Japan begann daraufhin, zu einer aktiven diplomatischen Tätigkeit überzugehen, um Korea zur Öffnung für den internationalen Handel und zu einer Reform im Innern zu bewegen. Entsprechende Bemühungen wurden jedoch in Korea strikt zurückgewiesen. Aufgrund unfreundlicher Behandlung japanischer Gesandter wurden in Japan erstmals Stimmen von Befürwortern eines bewaffneten Eingreifens laut. Ein Krieg mit Korea wurde zwar in Erwägung gezogen, aus innenpolitischen Gründen und wegen Finanzknappheit vorerst jedoch nicht realisiert.

1875 schließlich provozierte Japan einen militärischen Zwischenfall, bei dem das von ihnen entsandte Kriegsschiff "Unyo" vor der Insel Ganghwa von koreanischer Küstenartillerie beschossen wurde. Damit erhielt Tokio einen willkommenen Vorwand, nun in Korea einschreiten zu können. Ein Sonderbevollmächtigter wurde nach Peking entsandt, um die Stellung der Chinesen in einem Konflikt mit Korea zu sondieren. China verwies zwar auch diese Mal auf die formale Abhängigkeit Koreas, doch sah Japan, das sich vom traditionellen Staatsdenken Ostasiens gelöst hatte, in Korea nach internationalem Recht einen unabhängigen und somit selbständigen Staat. Nach einer Flottendemonstration im darauf folgenden Jahr musste die koreanische Regierung ihren Widerstand schließlich aufgeben, und es kam am 27. Feb. 1876 zwischen Korea und Japan zum sog. Vertrag von Ganghwa, der das erste Abkommen Koreas dieser Art mit einer fremden Nation darstellte. Japan erkannte darin Koreas Souveränität an, und Korea verpflichtete sich zur Einrichtung einer japanischen Gesandtschaft in Seoul sowie japanischer Konsulate mit eigenen Gerichtsbarkeiten in drei geöffneten Vertragshäfen.

Das Erstarken Japans und der daraus resultierende Vertrag von Ganghwa lösten gleichzeitig ein Ringen um die koreanische Halbinsel aus, das den weiteren Verlauf der ostasiatischen Geschichte bis zur endgültigen Annexion Koreas im Jahre 1910 bestimmen sollte. Einerseits war dadurch die traditionelle Vormachtstellung Chinas angegriffen worden, andererseits erwuchs den europäischen Mächten durch Japan ein Konkurrent in ihren Expansionsbestrebungen in Ostasien. Hiervon wurde in erster Linie Russland betroffen. Die allgemeine westliche Reaktion auf den Vertrag war zwar positiv, doch verhielt man sich zunächst noch zurückhaltend. Japan seinerseits befürchtete eine Konkurrenz gerade derjenigen Mächte, deren Beispiel es in Korea gefolgt war. Als daher eine aggressive Politik Russlands, die auf die Mandschurei und Korea gerichtet war, deutlich wurde, regte Japan sogar an, dass weitere Großmächte, inklusive Deutschland, mit Korea Verträge abschließen sollten, um damit bei einem Konflikt mit Moskau nicht allein zu stehen.

Unter diesen neu entstandenen Voraussetzungen ergriff schließlich Amerika zuerst die Initiative und beauftragte Kommodore Robert Wilson Shufeldt, entsprechende Schritte zu unternehmen. Unter Mitwirkung und Einflussnahme Chinas kam es schließlich am 22. Mai 1882 in Seoul zum Abschluss eines amerikanisch-koreanischen Vertrages.

Max von Brandt, mittlerweile zum kaiserlichen Gesandten in Peking avanciert, hatte die Ereignisse mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und bemühte sich nun seinerseits, erneut für das Deutsche Reich in Korea tätig zu werden. Nach Rücksprache mit dem deutschen Geschwaderchef Kommodore von Blanc in Shanghai und mit den notwendigen Vollmachten ausgestattet, begab er sich zunächst nach Tientsin, um mit den dortigen chinesischen Behörden zu verhandeln. Diese gaben ihr Einverständnis, stellten aber 2 Bedingungen: Erstens sollte sich der Vertrag mit Korea nicht von dem mit Amerika unterscheiden, und zweitens sollten die Verhandlungen unter Hinzuziehung chinesischer Berater stattfinden.

Entsprechend ausgerüstet begab sich von Brandt schließlich am 18. Juni nach Korea. Nach einer Verhandlungsdauer von nur drei Tagen wurde der erste deutsch- koreanische Freundschafts- und Handelsvertrag zur Zufriedenheit beider Parteien am 30. Juni 1882 in der koreanischen Hauptstadt unterzeichnet. Der Vertrag wurde jedoch auf Ersuchen Englands letztendlich nicht ratifiziert, da in einem ähnlichen Abkommen mit China im Okt. 1882 die chinesischen Kaufleute gegenüber ihren europäischen Kollegen mit derartigen Vorrechten ausgestattet waren, dass England unverzüglich Protest dagegen anmeldete und seinen Vertrag vom 6. Juni 1882 ebenfalls nicht ratifizierte. Deutschland, das zwar lediglich um sein politisches Prestige bemüht war und den kommerziellen Aspekt nur als sekundär betrachtete, schloss sich dennoch den britischen Argumenten an, die Zollbedingungen seien nur allzu restriktiv. Da zudem lediglich der Landesgrenzhandel und weniger der See- und Landverkehr in den Verträgen Berücksichtigung fand, kam man zu dem Schluss, erneut mit Korea in Verhandlungen treten zu müssen. Dieses Mal wollte Deutschland jedoch in Kooperation mit England vorgehen. London beauftragte zu diesem Zweck seinen Vertreter in Tokio, Sir Harry S. Parkes, und Berlin den Generalkonsul in Yokohama, Eduard Zappe, als Unterhändler nach Korea.

Parkes und Zappe traten daraufhin gemeinsam in langwierige Verhandlungen, die insbesondere durch unterschiedliche Positionen in Bezug auf Handelsbestimmung- und Zollfragen immer wieder belastet wurden. Nach vierwöchigen zähen Gesprächen erfolgte schließlich am 26. Nov. 1883 der Abschluss und die Unterzeichnung der beiden Handels-, Freundschafts- und Schifffahrtsverträge. Beide waren gleichlautend und erklärten in Artikel 1 ewigen Frieden und Freundschaft zwischen dem Königreich Korea und dem Deutschen Reich bzw. Großbritannien. Weiterhin vereinbarten sie geringere Zollsätze und hatten eine Meistbegünstigungsklausel. Dieser Vertragstext diente dann auch als Modell für die nachfolgenden Abkommen anderer Westmächte mit Korea. (Italien: 26. Juni 1884; Russland: 7. Juli 1884; Frankreich: 4. Juli 1886; Österreich-Ungarn: 23. Juni 1892; Belgien: 23. März 1901; Dänemark: 15. Juli 1902).

Am 28. Juni 1884 wurde der deutsch-koreanische Vertrag im Berliner Reichstag in allen Punkten von der Mehrheit angenommen. Eine kleine Resolution wurde allerdings noch hinzugefügt. Sie besagte, dass im Vertragstext nach den Worten "zu kaufen" - es handelte sich hierbei um Grundstücke, die von deutschen Reichsangehörigen in Korea erworben werden konnten - die Worte "zu verkaufen" hinzugefügt werden sollten. Die Ratifikationsurkunden wurden daraufhin am 18. Nov. 1884 mit dem Amtsantritt des ersten deutschen Generalkonsuls in Korea, Kapitän zur See Otto Zembsch, in Seoul ausgetauscht.

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Korea hatte indessen zwar 1882 in seiner Hauptstadt zwangsläufig ein Außenministerium errichtet, war aber nach wie vor in außenpolitischen Belangen aufgrund seiner über zweihundertjährigen Isolation völlig unerfahren und hilflos. In dieser Situation wandte sich König Gojong an China mit der Bitte um einen Berater in Sachen Außenpolitik, Diplomatie, Seezoll und innenpolitischer Reformen. Li Hung-chang, Gouverneur und Vizekönig der Provinz Chihli mit Amtssitz in Tientsin, ein hervorragender Staatsmann und Politiker, der von seiner Regierung mit der Wahrnehmung koreanischer Angelegenheiten beauftragt worden war, entsandte daraufhin überraschenderweise den deutschen Juristen und Sinologen Paul Georg von Möllendorff, der sich in seinen Diensten als Privatsekretär befand, nach Korea. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung auf diplomatischem Gebiet und auch im chinesischen Seezollamt, sollte Möllendorff in Korea vornehmlich ein Seezollwesen nach chinesischem Muster aufbauen. Während seines relativ kurzen Aufenthaltes in Korea von Ende 1882 bis 1885 sollte er dennoch eine bedeutende Rolle spielen, zumal er großen Einfluss auf den König hatte, da dieser ihn sehr schätzte und ihm uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte. In seiner Eigenschaft als Generalzolldirektor kam er nicht nur seiner Hauptaufgabe nach, sondern wirkte daneben auch als Berater auf vielerlei Gebieten wie Finanz-, Justiz- und Militärwesen, Landwirtschaft, Handwerk und Industrie und vieles mehr. Ebenso bemühte er sich um die Schaffung eines modernen Schulwesens, der Vermittlung technischer Kenntnisse und den Aufbau einer koreanischen Industrie, die sich an das traditionelle Kunsthandwerk anlehnen sollte. In kurzer Zeit bekleidete der Deutsche hohe koreanische Adelspositionen innerhalb der Regierung, angefangen vom Posten eines Vizeministers im Ministerium des Äußeren, des Ministeriums für Arbeit und des Kriegsministeriums, bis hin zum Direktor der neuen staatlichen Münze. In seiner beratenden Funktion war Möllendorff nicht nur maßgeblich und persönlich an den Verhandlungen des amerikanisch-koreanischen Vertrages beteiligt, sondern anschließend auch an beiden Verträgen mit Deutschland und England sowie den folgenden mit Italien und Russland. Um eine Erfolg versprechende Arbeit in Korea leisten zu können und auch von seinen koreanischen Kollegen akzeptiert zu werden, adaptierte Möllendorff bis zu einem gewissen Grad die koreanischen Sitten und trug stets traditionelle koreanische Kleidung. Abgesehen von seiner Kenntnis hinsichtlich der geschriebenen als auch der gesprochenen chinesischen Sprache, hatte er ebenfalls begonnen, bereits kurz nach seiner Ernennung in China Koreanisch zu lernen. Dieser Umstand trug sicherlich dazu bei, dass er den Koreanern näher kam, als irgendein Westler sonst.

Um seine ehrgeizigen Ziele verwirklichen zu können, holte der "deutsche Koreaner" etliche Fachleute unterschiedlicher Nationalität ins Land, wobei eine gewisse Bevorzugung von Landsleuten nicht abzuleugnen ist, was Möllendorff auch später seitens der rivalisierenden Großmächte zum Vorwurf gemacht wurde. Neben einer Anzahl deutscher Mitarbeiter im Seezolldienst lud er z.B. 1883 den deutschen Geologen Carl Gottsche zur Untersuchung der geologischen Bodenverhältnisse nach Korea ein. 1884 und 1885 holte Möllendorff weitere Experten in das Königreich: Der Deutsch-Amerikaner Joseph Rosenbaum sollte aus dem Sand des Han-Flusses eine Glasproduktion aufbauen. Das Projekt musste jedoch aufgegeben werden, da die Beschaffenheit des Sandes für das Vorhaben nicht geeignet war. Rosenbaum versuchte daraufhin, eine Streichholzfabrik in Gang zu setzen, hatte damit aber ebenfalls keinen Erfolg. August Maertens aus Shanghai wurde für eine Seidenraupenzucht engagiert, der Kaufmann Kniffler aus Japan für den Ausbau der koreanischen Tabakkultur und der Landwirt Paul Helm zwecks Kultivierung eines größeren Guts nach deutschem Muster. Alle drei Projekte scheiterten letztendlich an mangelnder Investitionsbereitschaft der koreanischen Behörde. Das permanente finanzielle Problem gedachte Möllendorff durch die Errichtung einer neuen Münze in Griff zu bekommen, zu deren Direktor er im März 1884 ernannt wurde. Dieses Mal ließ er nicht nur drei Ingenieure aus Deutschland kommen, sondern bestellte dort ebenso die nötige Maschinerie, die von der einzigen deutschen Handelsfirma in Korea, H. C. Eduard Meyer & Co., importiert wurde.

Auch diese Firma hatte auf Anregung Möllendorffs in Chemulpo, einem Bezirk des heutigen Incheon, eine Filiale errichtet, mit deren Aufbau und Leitung der Hamburger Kaufmann und Teilhaber Carl Andreas Wolter bereits 1883 beauftragt wurde. Ihr Chef, Heinrich Constantin Eduard Meyer, der mit einer Zweigstelle in Tientsin seit mehreren Jahren in Ostasien erfolgreich tätig war, wurde 1886 von der koreanischen Regierung zu deren Ehrenkonsul ernannt und vertrat damit in Hamburg offiziell die Interessen Koreas in Deutschland.

Berlin behielt zwar zunächst in Korea einen General- und Vizekonsul bei, sah aber keine Veranlassung, den deutschen Vertreter in Seoul gegenüber dessen Amtskollegen anderer Nationen rangmäßig aufzuwerten. Der erste Generalkonsul, Otto Zembsch, und dessen Nachfolger, Generalkonsul Peter Kempermann, der bereits 1887 abgelöst wurde, blieben dann auch über 16 Jahre hinweg die rangmäßig höchsten deutschen Beamten in Korea. Von 1887 bis 1903 amtierte in Seoul als Vertreter des Deutschen Reichs lediglich ein Konsul, zeitweise sogar nur ein Vizekonsul. Erst nachdem etliche Deutsche, namentlich Prinz Heinrich von Preußen, im Anschluss an ihren Koreabesuch dem Auswärtigen Amt berichteten, welche Nachteile dem deutschen Konsul und dem deutschen Handelshaus Meyer & Co. in Konkurrenz mit den anderen Firmen um koreanische Konzessionen oftmals aufgrund mangelnden Einflusses entstanden wären, gab Berlin seine diesbezügliche Stellung auf. Mit der Ernennung Conrad von Salderns zum Ministerresidenten in Seoul am 31. März 1903 wurde die Vertretung zwar aufgewertet, repräsentiert wurde das Deutsche Reich hingegen schon ab Dez. 1905 wieder nur durch einen Vize- und anschließend durch einen Generalkonsul.

Seitens der deutschen Handelshäuser in Ostasien zeigte in der Tat nur die in Tientsin ansässige Firma Meyer & Co. Interesse am Koreageschäft. Carl Wolter eröffnete kurz nach seiner Ankunft im Mai 1884 eine Zweigniederlassung in der Hafenstadt Chemulpo, die die erste westliche Firma in Korea repräsentierte. Die westlichen Handelshäuser dominierten anfangs zwar in den Bereichen Küstenschifffahrt und Industrie, wurden aber auch in diesen Sektoren allmählich von ihren übermächtigen japanischen und chinesischen Konkurrenten abgelöst. So ließ die deutsche Firma z.B. im Jahr 1885 den kleinen deutschen Dampfer "Hever" zweimal monatlich die Strecke Shanghai-Nagasaki-Pusan-Chemulpo und zurück fahren, doch musste das Unternehmen nach sechs Monaten aus Rentabilitätsgründen wieder eingestellt werden. Zu dieser schon schwierigen Situation kam noch der Umstand hinzu, dass die allgemeinen Kosten westlicher Häuser mehr als zehnmal so viel betrugen, wie diejenigen der asiatischen Firmen. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass sich bis zum Jahre 1905 neben der deutschen lediglich noch zwei englische und zwei amerikanische Handelshäuser gehalten hatten.

Neben Paul-Georg von Möllendorff, der durch seinen Einsatz nicht nur ein modernes Zollwesen in Korea aufgebaut, sondern auch den Grundstein zu Neuerungen im ökonomischen, politischen, verwaltungstechnischen und schulischen Bereich gelegt hatte, muss Carl Andreas Wolter ebenfalls zu denjenigen Deutschen gezählt werden, durch die das Ansehen Deutschlands bei den Koreanern positiv geprägt worden war. Wolter kehrte nach 24jähriger Tätigkeit im Jahre 1908 mit seiner englischen Frau, Jane Erving Hannay, und seinen acht Kindern nach Hamburg zurück und übergab die deutsche Handelsfirma seinem Teilhaber Paul Schirbaum, der die Geschäfte weiterführte.


Ende Teil I


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