Abriss der deutsch-koreanischen Beziehungen bis 1910

Teil II


Die Liste deutscher Staatsangehöriger in Korea bis 1910 ist relativ lang und umfasst - soweit sich das bis heute nachprüfen ließ - über 300 Personen. Wie sich aus der Anzahl schon vermuten lässt, waren sicherlich nicht alle derart bedeutend, zumal ihre Motivationen hinsichtlich eines Koreaaufenthaltes von unterschiedlicher Natur geprägt waren. Ihre Herkunft war ebenso unterschiedlich. Ordnet man die Liste nach Personen- bzw. Berufsgruppen, so ergeben sich etwa folgende Kategorien: Diplomaten, Deutsche in koreanischen Diensten, Militär und Adel, Kaufleute, Wissenschaftler, Patres sowie Reiseschriftsteller und Weltenbummler. Hatte ein längerer Aufenthalt oder kürzerer Besuch der meisten von ihnen auch keinerlei nachhaltige Wirkung auf die deutsch-koreanischen Beziehungen, so muss doch den wenigen, die das deutsche Prestige in Korea durch ihre einflussreichen Posten nicht nur gefördert, sondern vielmehr bis in die heutige Zeit geprägt haben, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Der erste in dieser Reihe war Johannes Bolljahn, ein Mittelschullehrer aus Usedom in Pommern. Im Rahmen einer Schulreform, die von Möllendorff initiiert worden war, wurde bereits 1883 die erste Fremdsprachenschule in Korea gegründet. Als Englischlehrer engagierte Möllendorff persönlich den Briten T. E. Hallifax, der seine Tätigkeit im Sommer desselben Jahres aufnahm. Nach dem Fall des deutschen Beraters am koreanischen Hof wurde diese Schule zwar wieder geschlossen, doch war der Grundstein für die Eröffnung einer rein englischen Sprachenschule im Nov. 1894 gelegt. Konsul Ferdinand Krien, der von 1889 bis 1900 am längsten amtierende Vertreter des Deutschen Reichs in Seoul, nahm die Gründung dieser Schule zum Anlass, sich seinerseits auch für eine deutsche Sprachenschule beim koreanischen Erziehungsministerium einzusetzen. Als Resultat seiner Bemühungen fand am 15. Sep. 1898 die Einweihung der Kaiserlich Deutschen Sprachenschule unter Beisein Kaiser Gojongs in Seoul statt. Nachdem der koreanische Unterrichtsminister auf die Wichtigkeit der deutschen Sprache hingewiesen hatte, hob Konsul Krien in seiner Eröffnungsrede hervor, dass "alljährlich Tausende von Ausländern nach Deutschland gehen, um Künste und Wissenschaften zu studieren, dass jeder gebildete Ausländer des Deutschen kundig sei" und "dass von sämtlichen Bewohnern der Erde jeder zehnte deutsch spreche."

Am Abend des 26. Nov. 1883 gab die stattliche Marinekapelle der Korvette "Leipzig", die Generalkonsul Eduard Zappe aus Japan nach Korea gebracht hatte, anlässlich eines Banketts zum deutsch-koreanischen Vertragsabschluss ein musikalisches Intermezzo. Ob diese Aufführung bei den koreanischen Beamten einen entsprechenden Eindruck hinterlassen hat, soll dahingestellt sein. Fest steht jedoch, dass sich die koreanische Regierung nach ihrem Entschluss, am Hofe eine Musikkapelle nach westlichem Muster zu halten, für den deutschen Militärmusikkapellmeister Franz Eckert entschieden hatte. Eckert war bereits von 1879 bis 1899 erfolgreich in Japan als Leiter sowohl der Marine- und Militär-, als auch der Kaiserlichen Hofkapelle tätig gewesen. Im Jahre 1882 ließ er zum ersten Mal die japanische Nationalhymne, Kimigayo, am Hofe des Tenno vorspielen, die er vorher für europäische Instrumente arrangiert hatte; eine Tatsache, die heute auch in Japan fast gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen ist. Aufgrund seiner 20jährigen Aktivität in Japan scheint es nicht verwunderlich, dass sein Ruf auch nach Korea gedrungen war. Als Eckert aus gesundheitlichen Gründen 1899 von seiner Position im kaiserlichen Haus- und Hofministerium zurücktrat und nach Deutschland zurückkehren wollte, beeilte sich die koreanische Regierung jedenfalls, ihm das Angebot zu unterbreiten, auch in ihrem Land eine europäische Hofkapelle aufzubauen. Eckert nahm das Angebot an. In Deutschland erhielt er den Titel eines königlich preußischen Musikdirektors und begab sich als solcher bald nach seiner Genesung nach Korea, um im Feb. 1901 seinen neuen Posten zu beziehen. Seine Aufgabe war indes keinesfalls leicht, da er in Korea auf das gleiche musikalische Verständnis stieß, wie seinerzeit in Tokio. Aufgrund seiner japanischen Erfahrungen hatte er aber bald eine Hofkapelle von zwei Dutzend Mann aufgestellt und sie an europäischen Instrumenten ausgebildet. In den darauf folgenden Jahren konnte er die Anzahl seiner Musiker sogar zeitweise bis auf 70 steigern. Seine Erfolge waren derart groß, dass er nicht nur regelmäßig bei offiziellen Anlässen am Hofe auftrat, sondern auch jeden Donnerstag zur Freude aller ansässigen Europäer im Pagoda-Park in Seoul Konzerte veranstaltete. Dabei gab er sowohl selbst komponierte Marschmusik, als auch ganze Wagner-Overtüren zum Besten.

Der nächste in der Liste verdienstvoller Deutscher in Korea ist der Schlesier Dr. med. Richard Wunsch, der von Nov. 1901 bis zum Apr. 1905 als Leibarzt des koreanischen Kaisers in Seoul fungierte. Allzu oft haben lediglich diejenigen Entdecker, Forschungsreisenden oder Wissenschaftler in der westlichen Welt Berühmtheit erlangt, die als erste Kunde fremder und entfernter Welten nach Hause getragen hatten. Nicht anders verhält es sich bei den deutschen Ärzten in Ostasien. So hatte z.B. Engelbert Kämpfer aufgrund seines Aufenthalts in Japan von 1690 bis 1692 das Bild dieses ostasiatischen Staates in Deutschland bis ins 19. Jhd. geprägt. Philipp Franz von Siebold (und nach ihm seine Söhne Heinrich und Alexander), Arzt und Polyhistor aus Würzburg, 1823 bis 1830 und 1859 bis 1862 ebenfalls in Japan tätig, hinterließ durch sein umfassendes Werk "Nippon" sowie anderer wissenschaftlicher Arbeiten eine detaillierte Studie dieses Weltteils bezüglich seiner Länder, Kulturen, Sitten und Bräuche, Flora und Fauna, Sprachen und vieles mehr.

Der württembergische Mediziner Erwin Otto Eduard von Bälz, der in den Jahren 1876 bis 1905 als kaiserlicher Leibarzt in Tokio wirkte, hinterließ einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der japanischen Medizin und widmete sich bahnbrechender Forschungen auf dem Gebiet der Anthropologie in Ostasien.

Richard Wunsch gehört zu den vielen deutschen Ärzten, die diesen Pionieren nach Ostasien gefolgt und doch allzu schnell in Vergessenheit geraten waren. Durch seine Tagebücher und Aufzeichnungen, die seine Tochter, Gertrud Claussen-Wunsch, 1976 unter dem Titel "Dr. med. Richard Wunsch. Arzt in Ostasien." teilweise veröffentlichte, wurde der Nachwelt indes ein zeithistorisches Dokument von besonderem Wert hinterlassen, das auf lebendige Weise die Geschichte Ostasiens in ihrer Übergangsphase vom 19. ins 20. Jhd. schildert. Richard Wunsch war von 1901 bis zu seinem Tode im Jahre 1911 in Korea, Japan und China tätig und muss daher ebenfalls zu denjenigen gezählt werden, die die deutsche Medizin in Ostasien bis auf den heutigen Tag gefestigt haben.

Die unumstritten einflussreichste deutsche Dame nicht nur innerhalb der ausländischen Gemeinschaft, sondern auch am Koreanischen Hof, war die Elsässerin Marie Antoinette Sontag. Im Oktober 1885 begleitete sie ihren entfernten Verwandten, den russischen Vertreter Carl von Waeber, nach Korea, um den Haushalt der neu errichteten russischen Gesandtschaft in Seoul zu führen.

Nach dem chinesisch-japanischen Krieg von 1894/95, aus dem die Japaner siegreich hervorgegangen waren, hatte Peking endgültig seinen Einfluss in Korea eingebüßt, so dass der Weg für die beiden noch verbliebenen Kontrahenten, Russland und Japan, um die Vorherrschaft auf der Halbinsel nun offen war. Auch der koreanische Hof war unterdessen in zwei Lager gespalten. Die pro-japanisch eingestellte Partei stand der pro-russischen Gruppe um Königin Min gegenüber. Nachdem der Königin Gerüchte um ein Komplott gegen sie zu Ohren gekommen waren, verstand sie es, die gegnerische Partei aus ihren Stellungen zu vertreiben. Die Japaner, die alles daran setzten, den sich ständig ausdehnenden Einfluss Russlands zu verhindern, griffen in dieser Lage zu einer Maßnahme, die selbst als eine Art "Verzweiflungstat" in der Geschichte kaum zu rechtfertigen ist: Sie autorisierten ein Attentat auf die Königin, das am 8. Okt. 1895 durchgeführt wurde. Kurz nach der Ermordung der Königin gelang es dem König, in Verkleidung einer Hofdame unerkannt in die russische Gesandtschaft zu fliehen. Dort verbrachte er ein Jahr bis sich die Wirren legten und er wieder in seinen Palast zurückkehrte.

In dieser Zeit lernte er die Fürsorge von Antoinette Sontag, im allgemeinen "Fräulein Sontag" genannt, derart schätzen, dass er sie nach seiner Rückkehr in den Palast zur Hofzeremonienmeisterin ernannte. In dieser Funktion war sie nicht nur für den gesamten Haushalt des Hofes zuständig, sondern trug auch die Verantwortung für Empfänge und Bankette, die zu Ehren ausländischer Diplomaten und Würdenträger veranstaltet wurden. Ganz zu schweigen von König Gojong selbst, beschränkte sich ihr Einfluss nicht nur auf administrative Angelegenheiten hinsichtlich des königlichen und später kaiserlichen Haushalts, sondern dehnte sich in geringerem Maße auch auf die Architektur Seouls sowie verschiedentlicher Bräuche und Sitten in der Hauptstadt aus. Diplomaten aller Nationen suchten nicht selten die Hilfe von Fräulein Sontag, um ihre Ziele bei der Regierung durchzusetzen, so dass das Intrigenspiel am Hof florierte. Als äußerst tüchtige Geschäftsfrau und Inhaberin dreier Häuser unterhielt sie In Seoul auch ein Hotel, das ihren Namen trug, in dem sie Würdenträger aus aller Welt empfing. Als sich eine endgültige Okkupation Koreas durch Japan abzeichnete, kehrte Fräulein Sontag nach 25järigem Koreaaufenthalt schließlich im Sep. 1909 nach Europa zurück, wo sie ihren Lebensabend als wohlhabende Frau an der Riviera verbracht haben soll.

Ein weiterer Platz in der Reihe verdienstvoller Deutscher gebührt nicht zuletzt auch den Benediktinermönchen aus St. Ottilien in Oberbayern, die im Jahre 1909 in Seoul ihre Tätigkeit begonnen hatten, und heute noch ein Kloster in Waegwan, in der Nähe von Daegu, als Missionszentrale unterhalten, das im Feb. 1964 durch ein römisches Reskript zur Abtei erhoben wurde.

Die Anfänge ihrer umfangreichen Missionstätigkeit in Korea gingen seiner Zeit auf die Anfrage des Apostolischen Vikars in Seoul, Bischof Gustav Mutel, zurück, der nach einer zunächst erfolgten Absage persönlich bei der Benediktiner-Missionsgesellschaft von St. Ottilien 1908 um die Mithilfe der Brüder und Patres bei seiner Arbeit in Korea ersuchte. Im Frühjahr 1909 reisten daraufhin Bonifatius Sauer und Dominikus Enshoff als Vorhut nach Seoul, um am Nordostrand der Hauptstadt, dem heutigen Hyehwa-dong, ein kleines Kloster nebst einer Handwerksschule zu errichten. Die große, im neugotischen Stil erbaute Kanzel der Kathedrale zu Seoul in Myeong-dong legt heute noch ein Zeugnis koreanischer Schreiner ab, die von den Benediktinern in ihrer Gewerbeschule ausgebildet worden waren.

Im Dez. 1909 wurde der zum Abt des ersten deutschen Klosters erhobene Bonifatius Sauer von weiteren Patres und Brüdern aus Deutschland unterstützt. Unter ihnen befand sich auch Pater Andreas Eckardt, der sich während seines fast 20jährigen Aufenthalts in Korea intensiver koreanischer Studien widmete. Zur Jahreswende 1928/29 kehrte Eckardt in seine Heimat zurück und schied alsbald aus dem Orden aus, um sich ausschließlich seinem in Korea gesammelten umfangreichen Material zuzuwenden und es in zahlreichen Werken zu verarbeiten. 1930 promovierte er in Würzburg über das Thema "Das Schulwesen in Korea" und übernahm 1950 einen Lehrauftrag für chinesische Literatur und Philosophie am Ostasiatischen Seminar der Universität München. Dort wirkte er bis kurz vor seinem Tode im Jan. 1974. Zweifellos gehört André Eckardt zu denjenigen Persönlichkeiten, die sich große Verdienste bezüglich der Verbreitung der Kenntnisse über die koreanische Kultur nicht nur in Deutschland selbst, sondern im Westen allgemein erworben haben. Neben der japanischen und chinesischen Kultur war er stets bemüht, die koreanische als dritte große und eigenständige Kultur Ostasiens bekannt zu machen, und gilt daher als Gründungsvater der Koreanistik in Deutschland.

Nachdem die beiden Nordostprovinzen Koreas zum Apostolischen Vikariat ernannt worden waren, wurde Bonifatius Sauer, der im Mai 1921 bereits die Bischofsweihe erhalten hatte, von Rom zu dessen erstem Vikar bestellt. Ende 1927 wurde daraufhin das Benediktinerkloster nach Deokwon verlegt, einem kleinen Ort in der Nähe der nordkoreanischen Hafenstadt Wonsan.

Mit der Proklamation der Republik Korea im Süden am 15. Aug. 1948 und der Gründung der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik im Norden am 2. Sep. desselben Jahres war bereits ein Ende der Benediktiner in Deokwon abzusehen. Nachdem sich die russischen Besatzungstruppen, zu denen die deutschen Patres und Schwestern ein relativ gutes Verhältnis unterhielten, aus Korea zurückzogen hatten, wurden sie alle im Mai 1949 von nordkoreanischen Soldaten verhaftet, in Pyeongyang vor Gericht gestellt und wegen antikommunistischer Sabotage zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Während die meisten von ihnen nach Oksadeok in ein Konzentrationslager am Yalu deportiert wurden, starb der Begründer der deutschen Benediktinermission in Korea, Abtbischof Bonifatius Sauer, am 7. Feb. 1950 in einem Zuchthaus in Pyeongyang. Neben der Abtei in Waegwan und einem Prioriat der Benediktinerinnen in Daegu bestehen heute ebenfalls Konvente in zahlreichen anderen Städten Südkoreas.

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Die anfänglichen deutsch-koreanischen Verhältnisse waren auf beiden Seiten relativ gut. Der meiste Schriftwechsel zwischen der deutschen Vertretung und dem koreanischen Hof in Seoul bezog sich ohnehin lediglich auf Angelegenheiten jeglicher Art betreffs deutscher Staatsangehörige in Korea. Grundstückserwerbungen, Gehaltserhöhungen, Ordensverleihungen, Audienzanträge sowie auf deutsche Handelsinteressen bezogene Korrespondenz waren an der Tagesordnung. Gelegentlich vertrauensvolle Anfragen politischer Art seitens der koreanischen Regierung wurden in der Regel vom deutschen Beamten zwar freundlich und wohlwollend, jedoch uninteressiert erwidert. Als z.B. die Engländer im Apr. 1885, ein Vordringen ihres Erzrivalen Russland in Korea befürchtend, die kleine Insel Gomun-do (Port Hamilton) besetzten, wandte sich die koreanische Regierung mit einem Vermittlungsgesuch an die ausländischen Vertreter. Generalkonsul Otto Zembsch bescheinigte zwar in seiner Stellungnahme, dass sich Korea Großbritannien gegenüber im Recht befände, handelte damit aber eigenmächtig und wurde vom Auswärtigen Amt in Berlin in seine Schranken gewiesen. Bismarck betonte bei dieser Angelegenheit erneut, dass kein deutsches Interesse gegeben wäre, um vom koreanischen Gesuch überhaupt Notiz zu nehmen. Diese Einstellung gegenüber Korea veränderte sich auch dann nicht, als das Deutsche Reich im Rahmen seines politischen Wandels zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jhd. Kolonialinteressen anmeldete und seinen Arm ebenfalls nach Ostasien ausstreckte. In dieser Hinsicht konzentrierten sich Deutschlands Bestrebungen lediglich auf Erwerbungen in China. Korea blieb nach wie vor unbedeutend, zumal sich der deutsche Handel auf der Halbinsel in keinster Weise zum Positiven entwickelt hatte und man von Korea diesbezüglich auch nichts mehr erwartete.

Die japanisch-chinesische Rivalität um die Vorherrschaft in Korea erreichte unterdessen ihren Höhepunkt, nachdem beide Staaten sich weigerten, nach Zerschlagung des Tonghak-Aufstandes, der sich als religiös-sozialreformerische Bewegung über das ganze Land erstreckt und dabei das Weiterbestehen der Regierung bedroht hatte, ihre Truppen wieder abzuziehen. Dieses Mal bat die koreanische Führung im Juni 1894 erneut um die Vermittlung fremder Nationen. Berlin lehnte zwar zunächst eine Einmischung in diese Angelegenheit kategorisch ab, deutete aber seine Bereitschaft zur Vermittlung an, als England und China wiederholt an eine deutsche Beteiligung appellierten. Entsprechend wurden die deutschen Gesandten in Peking und Tokio instruiert, sich bei einer gemeinsamen Aktion des Westens anzuschließen. Konsul Krien in Seoul erhielt indes keinerlei Weisung, sich ebenfalls an der diplomatischen Vermittlung zu beteiligen, zumal seine Stellung nicht der entsprach, die seine Amtskollegen einnahmen.

Die internationalen Bemühungen scheiterten jedoch an der Eigenmächtigkeit japanischen Militärs, das am 25. Juli 1894 den britischen Dampfer "Kowshing" versenkte, der sich mit chinesischen Truppen an Bord auf dem Wege nach Korea befand. Nachdem am 1. Aug. 1894 die Kriegserklärung Japans an China erfolgt war, ging von England die Anregung zu einer gemeinsamen westlichen Intervention aus, doch hielt sich Deutschland dieses Mal neutral zurück. Das bis dahin betont freundliche Verhältnis Deutschlands zu Japan änderte sich jedoch, als die Japaner nach ihrem Sieg der chinesischen Regierung in Peking umfangreiche Forderungen diktierten, die zum Teil auf Ansprüche der Franzosen und Russen stießen. Deutschland hatte in China nicht unerhebliche Wirtschaftsinteressen zu vertreten und befürchtete daher durch eine japanische Übermacht kommerzielle Einbußen. Dazu kam, dass sich Berlin im Falle einer möglichen französisch-russischen Waffenbrüderschaft im Herzen Europas einer gewissen Gefahr ausgesetzt sah. Um die Aufmerksamkeit Russlands nach Osten zu lenken und damit die Sicherheit des eigenen Landes zu gewährleisten, akzeptierte Berlin die von Petersburg angeregte russisch-französisch-deutsche Intervention, die Tokio durch den sog. Einspruch von Shimonoseki am 23. Apr. 1895 zur Annahme mäßigerer Friedensbedingungen bewegte. Die plötzliche Aufgabe Deutschlands Neutralität in Sachen Fernost hinterließ in Japan indes einige Narben und sollte aus diesem Grund einige Zeit später auch Auswirkungen auf die deutsch-koreanischen Beziehungen haben, die aus dem stetigen Anwachsen des japanischen Einflusses in Korea resultierten.

Japans Sieg über China leitete gleichzeitig eine Neugruppierung der Mächte in Ostasien ein. England, bisher den Chinesen zugeneigt, schwenkte zum Schutz seiner eigenen Wirtschaftsinteressen auf die japanische Seite über, da China noch nicht einmal imstande war, sich selbst zu schützen. Aufgrund der gemeinsamen Gegnerschaft zu Japan schlossen China und Russland 1896 einen Pakt, der von russischer Seite aus obendrein durch seine Rivalität zu Großbritannien motiviert war. Dieser Vertrag konnte jedoch nicht verhindern, dass sich das Zarenreich im Rahmen seiner Expansionsbestrebungen 1897/98 die strategisch bedeutende Liaotung-Halbinsel mit ihren Häfen Port Arthur und Dairen zu eigen machte. Auch Frankreich, England und das Deutsche Reich erzwangen von China Gebietsabtretungen oder Territorialverpachtungen. Deutschland hatte sich 1898 durch die gewaltsame Inbesitznahme Kiautschous mit seiner Hauptstadt Tsingtau endgültig als aktives Mitglied an der Fernostpolitik beteiligt und seine ostasiatische Flotte im neuen Schutzgebiet stationiert.

Durch den japanisch-chinesischen Krieg wurde zwar sowohl Japans als auch Russlands Augenmerk auf Korea eine gewisse Zeit abgelenkt, das Ringen um die Vorherrschaft entbrannte aber nach dem Ausscheiden Chinas aufs neue. Die Ermordung der Königin Min sorgte zunächst für eine Schwächung der japanischen Stellung am koreanischen Hof. Die Russen nutzten diese Situation zur Stärkung ihrer eigen Position und veranlassten König Gojong im Feb. 1897, zur Betonung der staatsrechtlichen Gleichstellung seines Landes mit China und Japan den Kaisertitel anzunehmen. Gleichzeitig damit wurde die bisher geltende Staatsbezeichnung Choson in Taehan'guk geändert.

In Deutschland wurde die Annahme des Kaisertitels mit arger Ironie begrüßt. Kaiser Wilhelm II vermerkte auf dem entsprechenden Telegramm aus Seoul; "Ach Ehre ein neuer Kollege" und "immer besser als ein Präsident einer Republik". Die neuen Titularien wurden im Auswärtigen Amt in Übereinstimmung mit der russischen Praxis angewandt, wodurch man Russland gleichzeitig signalisierte, dass man Korea zur russischen Einflusssphäre rechnete.

Japans Misstrauen gegenüber Deutschland wurde durch den Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen in Korea im Jahre 1899 noch geschürt, da die japanische Presse dahinter den unbegründeten Verdacht hegte, dass das Deutsche Reich nach seiner Übernahme Kiautschous nun ebenfalls Ansprüche auf Korea stellen würde. Der Besuch des Prinzen zielte indes lediglich darauf ab, den deutschen Koreahandel zu fördern, was jedoch nicht erreicht wurde. Als Japan schließlich durch seinen Botschafter in Berlin im Aug. 1900 die Stellung Deutschlands im Falle einer japanischen Einverleibung Koreas sondierte, gab man zu verstehen, dass Deutschland in Korea rein kommerziell interessiert sei und daher in allen anderen Korea betreffenden Streitfragen absolute Neutralität wahren würde.

Nach der britisch-japanischen Allianz vom Jan. 1902 behielt das Deutsche Reich diese Politik bei und lehnte den russischen Vorschlag ab, als Gegenmaßnahme ihr Drei-Mächte-Abkommen von 1895 zu erneuern. Insgeheim vertrat Berlin dabei die Hoffnung, aus einem japanisch-russischen Konflikt in Ostasien kommerziell profitieren und gleichzeitig die russisch-englischen Aggressionen aus Europa fernhalten zu können. Auch während des russisch-japanischen Krieges von 1904/05 bewahrte Deutschland seine Neutralität, doch lagen die Sympathien eindeutig auf Seiten Russlands. Dies lag nicht nur in der Tatsache begründet, dass Kaiser Wilhelm II eine freundschaftliche Beziehung zum Zaren unterhielt, sondern auch darin, dass sich in ihm mittlerweile die fixe Idee einer "gelben Gefahr" gebildet hatte, womit er in Deutschland jedoch weitgehend allein stand.

Die Anerkennung japanischer Vorrechte in Korea durch Amerika und England im Sommer und der russisch-japanische Friedensvertrag vom 5. Sep. 1905 in Portsmouth (USA) garantierten Japan nun endgültig freie Hand in Korea. Obwohl sich das Kriegsgeschehen außerhalb Koreas abgespielt hatte, besetzten die Japaner noch vor Ausbruch des bewaffneten Konflikts trotz der Neutralität Koreas dessen Hauptstadt, was bereits das Ende der koreanischen Unabhängigkeit abzeichnete. Am 17. Nov. 1905 wurde dem koreanischen Kabinett schließlich ein Vertrag aufgezwungen, der Korea offiziell zu einem japanischen Protektorat machte. Von diesem Zeitpunkt an wurden die koreanischen Auslandsbeziehungen durch das japanische Außenministerium in Tokio geregelt, und die Innenpolitik des Landes lag in den Händen eines japanischen Generalresidenten in Seoul.

Kaiser Gojong, der sich strikt weigerte, den aufgezwungenen Protektoratsvertrag zu unterzeichnen, bemühte sich vergebens bei den wenigen noch in Korea verbliebenen Westmächten um eine Intervention. Bereits vor der japanisch-russischen Auseinandersetzung hatte sich der Kaiser u.a. auch an Ministerresident Conrad von Saldern mit der dringenden Frage gewandt, ob er sich bei Gefahr in die deutsche Residenz flüchten könnte. Die Antwort des Ministerresidenten fiel jedoch mit dem stets vorgebrachten Argument Deutschlands Neutralität ablehnend aus. Als Gojong einige Zeit später ein persönliches Hilfegesuch an Kaiser Wilhelm II zu schicken beabsichtigte, wurde ihm von Seiten Salderns dringend davon abgeraten. Damit gab das Deutsche Reich den Koreanern ganz offen zu verstehen, dass Deutschland in keinster Weise bereit war, in die Unabhängigkeitsbemühungen Koreas hilfreich einzuschreiten. Es fungierte lediglich als unbeteiligter Beobachter am Rande des Geschehens.

Dennoch übermittelte der koreanische Gesandte in Berlin am 21. und 24. Nov. 1905 zwei Schreiben Kaiser Gojongs an das Auswärtige Amt, in denen er an die deutsche Unterstützung appellierte. Warum sich der Kaiser in seiner hilflosen Situation gerade an das Deutsche Reich wandte, kann nur spekulativ beantwortet werden. Amerika, England und Russland hatten bereits Japans Vorrechte in Korea anerkannt, so dass von diesen Nationen keine Hilfe mehr zu erwarten war. Hatte also gerade Deutschlands unbeteiligte Haltung und Neutralität dem koreanischen Kaiser Anlass zur Hoffnung gegeben? Oder hatte vielleicht die Hofzeremonienmeisterin, Fräulein Sontag, den Kaiser aufgrund des Vertrauens, das dieser ihr entgegenbrachte, zu diesem Schritt veranlasst? Im Grunde erscheint es jedoch müßig, über diese Spekulationen weiter nachzudenken, da die Hilfegesuche des koreanischen Monarchen wie nicht anders zu erwarten auch dieses Mal mit Ablehnung beschieden, und Kaiser Wilhelm II noch nicht einmal zur Kenntnisnahme vorgelegt wurden.

Die Übernahme der diplomatischen Beziehungen Koreas zum Ausland durch Japan veranlasste auch das Deutsche Reich, am 2. Dez. 1905 seine diplomatischen Geschäfte an die Botschaft in Tokio zu überweisen. Gleichzeitig wurde die Ministerresidentur in Seoul durch ein Vizekonsulat ersetzt. Nach Artikel I des Protektoratsvertrages wurden sämtliche koreanische Gesandte und Konsuln im Ausland zurückgezogen und deren Amtsgeschäfte auf entsprechende japanische Vertreter übertragen. Dies betraf auch den mit der Vertretung koreanischer Interessen in Deutschland beauftragten koreanischen Ehrenkonsul H.C. Eduard Meyer in Hamburg, dessen Konsulat mit Wirkung vom 15. Dez. 1905 geschlossen wurde.

Damit endete nach 22 Jahren die erste Phase der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Korea, die im wesentlichen durch Deutschlands Neutralität und passiver politischer Zurückhaltung gegenüber Korea gekennzeichnet war. In der Existenz eines einzigen deutschen Handelshauses sah Berlin ebenfalls keine Notwendigkeit gegeben, sich über die Maßen kommerziell zu engagieren, obwohl verschiedentliche Versuche in dieser Richtung unternommen worden waren, die jedoch fehlschlugen. Deutschlands Fernost-Interesse richtete sich allein auf China und seinen potentiellen Markt. Internationale Geschehnisse in und um Korea wurden indes stets aufs Genaueste verfolgt, da man die eigene Sicherheit in Europa garantiert wissen wollte. In diesem Sinne stellte Korea für Deutschland ein willkommenes Objekt dar, um die sich widerstreitenden Kräfte Europas nach Osten hin abzulenken.

Das Deutsche Reich gab auch nach der Protektion seine beobachtende Stellung in Korea nicht auf. Denn schon im Apr. 1906 wurde durch einen Reichstagsbeschluss das Vizekonsulat in Seoul zu einem Generalkonsulat erhoben, dessen Geschäfte bis 1907 Vizekonsul Gottfried Ney und nach ihm bis 1914 Generalkonsul Friedrich Krüger wahrnahm. Reichskanzler Fürst von Bülow sah die Erreichung der wirtschaftlichen Ziele Deutschlands in Ostasien nur dadurch garantiert, dass man den Frieden in dieser Region aufrecht erhielt, die Integrität Chinas wahrte und das Prinzip einer offenen Tür verfolgte. Letzteres aber schloss auch Korea ein. Die minimalen deutschen Wirtschaftsinteressen sollten in Korea zumindest gewahrt werden, solange man damit Japan in seiner politischen Ambition nicht in die Quere kam. Tokio sicherte dem Auswärtigen Amt sogar zu, das Prinzip der offenen Tür in Korea zu verfolgen, und japanische Kaufleute nicht bevorzugt zu behandeln. Angesichts der allzu geringen Anzahl verbliebener westlicher Kaufleute war dieses Versprechen indes leicht zu geben und auch zu erfüllen. Daneben verknüpften deutsche Beobachter mit dem japanischen Vorgehen auf der Halbinsel auch einige Hoffnungen. Erwartet wurde dadurch eine wirtschaftliche Entwicklung des Landes, von der man, wenn auch nur indirekt und in geringem Umfang, profitieren konnte.

Als Kaiser Gojong im Juli 1907 zu einem erneuten Befreiungsversuch ansetzte, indem er eine koreanische Delegation zur Haager Friedenskonferenz entsandte, nahm Japan diesen Akt zum Anlass, den Kaiser am 19. Juli 1907 zur Abdankung zu zwingen. Als seinen Nachfolger bestimmten sie gleichzeitig den Kronprinzen Sunjong, der als willensschwacher und wenig gebildeter Herrscher zur Marionette der Japaner wurde.

Nicht nur unter dem erhofften Wirtschaftsaspekt, sondern auch um Deutschlands Bereitwilligkeit zur Unterstützung Japans zu signalisieren, hatte Vizekonsul Ney dem japanischen Generalresidenten, Fürst Ito Hirobumi, Ende 1906 von der Existenz eines Privatkontos Kaiser Gojongs in Deutschland in Kenntnis setzen lassen, das der Monarch 1903/04 mit der damaligen Unterstützung des Ministerresidenten von Saldern eingerichtet hatte. (Heute würde man in diesem Fall von der Preisgabe eines Schweizer Nummernkontos reden.) Als weitere Folge der koreanischen Deputation nach dem Haag wandte sich Tokio nun mit einem Rückführungsgesuch an das Auswärtige Amt in Berlin. Dem Antrag wurde auch bereitwillig stattgegeben und das Generalkonsulat in Seoul mit dessen Durchführung beauftragt. Indessen lief diese Angelegenheit nicht völlig unproblematisch ab, da sich die deutsche Bank zunächst weigerte, ohne Kündigung des Depots-Inhabers, d.h. des Kaisers selbst, den Betrag auszuzahlen. Unter gewissem Druck der Japaner ordnete Gojong schließlich im Nov. 1907 das Nötige an, so dass der Fall schon bald wieder zu den Akten gelegt werden konnte.

Am 22. Aug. 1910 wurde dann in Seoul der Annexionsvertrag unterzeichnet, der Korea endgültig dem japanischen Kaiserreich einverleibte, und der das Ende der Joseon-Dynastie bedeutete, die 419 Jahre bestanden hatte. Mit Inkrafttreten dieses Vertrags am 29. Aug. betrachtete Tokio sämtliche Verträge, die Seoul mit anderen Staaten geschlossen hatte, als aufgehoben. Dagegen wurde von Berlin keinerlei Einwand erhoben, zumal man dort die Ansicht vertrat, dass deutsche Handelsinteressen aufgrund des geringen deutsch-koreanischen Handelsvolumens kaum beeinträchtigt würden. Eine formelle Anerkennung der Annexion Koreas durch Japan erfolgte von deutscher Seite jedoch nicht.


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